Rezensionen zu Jugendbüchern

Schluss. Jetzt werde ich etwas tun“ von Maren Gottschalk, Gulliver Verlag (2021)

 

„Die Unsicherheit, in der wir heute dauernd leben, die uns ein fröhliches Planen für den morgigen Tag verbietet und auf alle die nächsten kommenden Tage ihren Schatten wirft, bedrückt mich Tag und Nacht und verlässt mich eigentlich keine Minute.“

Mit diesen Worten beginnt Sophie Scholl zum Ende des Jahres 1942 einen Brief an ihren Freund, den Soldaten Fritz Hartnagel.

Zu diesem Zeitpunkt ist die Studentin Sophie bereits Mitglied des Widerstandes im Kampf gegen den Nationalsozialismus.

„Sie weiß, dass es nun weitergehen muss mit den Aktionen des Widerstands und dass sie eine wichtige Rolle dabei spielen wird. Sie sehnt es herbei und fürchtet es zugleich.“

Der Autorin gelingt mit diesem Buch ein ziemlich genauer Blick in das Leben Sophie Scholls und skizziert den Verlauf desselben auf eindrückliche Weise.

Mit ihrem besonderen Schreibstil begeistert Maren Gottschalk nicht nur die jugendliche Zielgruppe, sondern spricht Erwachsene gleichermaßen an.

Dank ihrer akribischen Recherchearbeit schafft sie es, ungeahnte Details historischen Fakten zuzuordnen und dadurch Geschichte lebendig werden zu lassen.

Die LeserInnen lernen die Vorzeigefrau der Widerstandsbewegung Weiße Rose genau kennen und können sich ein gutes Bild ihres Lebensweges machen, der durch das Nazi-Regime geprägt war.

In jungen Jahren ist Sophie Scholl noch politisch aktiv und selber Teil des Systems. Lässt sich sogar zur Jungmädelsschaftführerin ausbilden und steht hinter ihrer dem, was sie tut.

Aber wann kam der Wendepunkt ihrer politischen Haltung, und was war der Grund dafür?

Mit dieser Neuauflage des bereits 2012 erschienenen Buches, ergänzt die Autorin den Text um weitere Recherche-Ergebnisse der vergangenen Jahre und veröffentlicht dieses umfassende Werk in 2021, dem Jahr, in dem Sophie Scholl 100 Jahre alt geworden wäre.

Das Leben der unerschrockenen und mutigen Protagonistin wird dank der abgebildeten schwarz/weiß Fotos, die die Stereotype Scholl erheblich aufweichen, noch greifbarer.

 

Anja Kuypers

 

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Schluss. Jetzt werde ich etwas tun

Maren Gottschalk

Gulliver Verlag (2021)

Jugendbuch

broschiert, 270 Seiten

ISBN 978-3407812643

9,95 €

Fürchtet uns, wir sind die Zukunft“ von Lea-Lina Oppermann, Beltz und Gelberg Verlag (2021)

 

Theo Sandmann, Erstsemestler an einer renommierten Musikakademie, entstammt einer Künstlerfamilie. Seine Eltern waren bekannte Balletttänzer, und er beginnt nun ein Klavierstudium. Er gilt bereits als angesehener Pianist mit besonderen Voraussetzungen für eine makellose Karriere, weshalb sich auch der berühmte Professor Goldstein seiner annimmt.

Theo ist ein feinfühliger, junger Mann, der das Klavierspiel liebt und seinem Mentor vertraut.

Beim Versuch, sich in der Akademie zurecht zu finden, schließt er schnell Freundschaft mit einer Gruppe rund um die Schauspielstudentin Aida.

Sie hat eine bezaubernde Singstimme und Theo verliebt sich sofort in sie. Aber Aida ist anders, sie stellt das System der Gesellschaft in Frage, kritisiert die Art zu leben und begibt sich permanent in Gefahr, um Grenzen auszuloten.

Aida will das Leben wieder spüren und die Zukunft für alle verändern. Das kann doch noch nicht alles gewesen sein, fragt sie sich.

„Die Gewichtung der Welt stimmt nicht. Alles ist verdreht und gefiltert und seltsam sortiert, das Wichtigste ganz unten in den Regalen. Alles ist manipuliert. [...]“

Theo, dessen Leben bislang geradlinig verlief, schließt sich der revolutionären Gruppe an.

Zum ersten Mal fühlt er sich ernst genommen und verfällt in Aidas Aktionismus.

Sie buhlen um Aufmerksamkeit, wollen die Zukunft verändern. Koste es, was es wolle...

...wir müssen hungrig bleiben. Wir müssen endlich verändern, was verändert werden muss. Damit es eine Zukunft gibt.“

Aber die Mutproben und nächtlichen Ausflüge zollen auf Dauer ihren Tribut.

Theo geht über Grenzen, vernachlässigt das Studium und verliert den Boden unter den Füßen.

Lediglich Goldstein bemerkt, dass mit seinem Schüler etwas nicht stimmt.

Die Geschichte ist geprägt durch musikalische Fachbegriffe und jungen Spirit. Man spürt, dass die Autorin selber Studentin einer künstlerisch ausgerichteten Fakultät ist.

Das Buch liest sich sehr kurzweilig flüssig, und dennoch lässt die LeserInnen am Ende mit offenen Fragen zurück.

 

Anja Kuypers

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Fürchtet uns, wir sind die Zukunft

Lea-Lina Oppermann

Beltz und Gelberg Verlag (2021)

Jugendbuch

broschiert, 291 Seiten

ISBN 978-3407755803

14,95 €

 

Esther und Salomon“ von Elisabeth Steinkellner, Tyrolia Verlag (2021)

 

Normalerweise wäre Esther (14) von diesem 14tätigen Luxusurlaub im Hotel am Meer begeistert gewesen. Aber bitte nicht unter diesen Umständen...

Denn ihre Eltern stehen kurz vor der Trennung und wagen nun den letzten Versuch einer gemeinsamen Partnerschaft. Es ist nicht leicht für alle Beteiligten.

Glücklicherweise kann Esther den ewigen Streitereien ihrer Eltern im Hotel entgehen und verbringt ihre Zeit viel lieber mit ihrer kleinen Schwester Flippa (5) am Strand. Die beiden verstehen sich hervorragend, und in der Geschichte nimmt Flippa den Part einer heimlichen Protagonistin ein.

Schnell macht Flippa Bekanntschaft mit dem gleichaltrigen Mädchen Aisha, die ihren „Bruder“ Salomon (14) im Gepäck hat. Während die Kleinen im Spielen vertieft sind, verlieben sich Esther und Salomon prompt ineinander. Es passiert einfach. Die Liebe kommt mit Macht, und überspringt weitestgehend das jugendliche Ausprobieren.

Und plötzlich ist der Urlaub zu Ende. Zurück in ihrer beider Leben, vermissen sie einander sehr und sehnen ein baldiges Wiedersehen herbei.

Die Geschichte wird in grob wechselnden Kapiteln über Esther und Salomon erzählt.

Esthers Beiträge werden von ihren aufgenommenen Polaroid-Fotos begleitet, Salomon ergänzt mit eigenen Zeichnungen.

In Salomons Part erfahren die LeserInnen von seinen persönlichen Schicksalsschlägen auf der Flucht aus einem fremden Land und den aktuellen familiären Ereignissen mittels der handgeschriebenen Briefe an Esther.

„Ich will mich ständig nur häuten, ein paar Schichten Sehnsucht abstreifen...“

Ein poetischer Roman, der von zwei Jugendlichen erzählt, denen ihre unbeschwerte Jugend nicht gegönnt ist.

Beide tragen eine Vergangenheit und eine Gegenwart in sich. Unterschiedlich schwer und doch so belastend.

Eine Geschichte, geprägt von Sehnsucht, Trauer, Trennung und Schmerz mit einem Hauch jugendlicher Tiefe in einer Welt voll von erwachsenem Fehlverhalten.

 

Anja Kuypers

 

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Esther und Salomon

Elisabeth Steinkellner

Tyrolia Verlag (2021)

Jugendbuch

gebunden, 330 Seiten

ISBN  978-3702239176

19,95 €

Die Nachtbushelden“ von Onjali Q. Rauf, Atrium Verlag (2021)

 

Der junge Hector ist ein Dieb, ein Mobber, ein Lügner. „Er funkelt alle böse an, die es wagen, ihn anzugucken.“ Mit Katie und Will, seinen Klassenkameraden, an seiner Seite hält er sich aber für unschlagbar. Hector eckt überall an. In der Schule provoziert er ständig und muss deshalb häufig nachsitzen. „Es gibt nichts Schöneres von jemandem angeschrien zu werden, der einem nicht folgen kann.“

Auch zu Hause verhält er sich aggressiv und widerspenstig. Da seine Eltern als erfolgreiche Forscher und Regisseure oft unterwegs sind, kümmert sich das junge Kindermädchen um ihn und seine beiden Geschwister.

Hector ist immer auf der Suche nach Lob und Anerkennung.

Doch eines Tages geht er zu weit. Just nachdem er dem Obdachlosen Thomas im Park die Mütze gestohlen hat, entwendet er kurze Zeit später noch sein gesamtes Hab und Gut: einen Einkaufswagen, den er – wenn auch aus Versehen - im See versenkt.

Schnell spricht sich seine ungeheuerliche Tat in Thomas` Kreisen herum, und es gibt Zeugen, die an dem Tag im Park unterwegs waren.

Darunter Mei-Li, die in Hectors Klasse ist und dessen Vater die ortsansässige Suppenküche betreibt.

Wann wird dem ungehorsamen Hector endlich das Handwerk gelegt?

Das Buch spielt im London der Jetztzeit. Oft treibt sich Hector ohne Erlaubnis in der großen Stadt herum. Eines Tages beobachtet er zufällig einen Kunstdiebstahl und glaubt in dem Dieb den obdachlosen Thomas wieder zu erkennen. Eine ungeheure Unterstellung, die zunächst wieder einmal Wellen schlägt...

Eine Geschichte über Vertrauen und die Suche nach dem angedachten Platz im Leben.

Sehr ungewöhnlich, dass der anfängliche Antiheld in der Ich-Perspektive zum Erzähler der Geschichte skizziert wird.

Dass das Leben nicht immer nur Gutes parat hält und das Offensichtliche nicht immer gilt, müssen viele HandlungsteilnehmerInnen im Laufe des Buches erkennen.

Sehr spannend und kurzweilig zu lesen.

 

Anja Kuypers

 

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Die Nachtbushelden

Onjali Q. Rauf

Atrium Verlag (2021)

Kinderbuch

gebunden, 288 Seiten

ISBN 978-3855356560

15 €

Mein Leben als lexikalische Lücke“ von Kyra Groh, Arctis Verlag (2021)

 

So hatte sich Benjamin Wecker, alias Benni (18) sein Leben nach dem Abitur nicht vorgestellt. Eigentlich wollte er mit seinem besten Freund eine WG im niederländischen Groningen gründen und dort studieren. Stattdessen absolviert er ein Praktikum in einem Krankenhaus seiner Heimatstadt Frankfurt, zur Vorbereitung auf ein anschließendes Medizinstudium. Der Grund für Bennis Entscheidung, ist seine sehr anhängliche, religiös fanatische Mutter, die ihn seit seiner Geburt alleine erzieht. Er fühlt sich verpflichtet, sich um sie zu kümmern und ist gefangen im ausgeprägten Kleinbürgertum.

Auch Jule (16) fühlt sich in ihrer Familie weitestgehend unwohl und missverstanden. Mit ihrem neuen Lebensstil als Veganerin und Klimaaktivistin eckt sie permanent an.

Jule fühlt sich zu Benni, den sie täglich sieht und heimlich beobachtet, hingezogen. Ihr gelingt ein arrangiertes Treffen, und beide verstehen sich auf Anhieb.

Sie sind auf der Suche nach ihrem Platz im Leben und kämpfen mit Hindernissen auf dem Weg zum Ziel.

Die Sprachgewandtheit beider sowie deren Leidenschaft für Worte und Wörter ist der Beginn einer Beziehung mit Zukunftsperspektive.

Groh gelingt es sehr gut, die familiären Zwänge des jeweils Einzelnen und die Beziehung der beiden miteinander gekonnt zu verweben.

Die junge Schriftstellerin bedient sich ähnlicher Einteilung wie in ihrem letzten Roman „Sicherheit ist eine verdammt fiese Illusion“. So wechselt sie, je nach ProtagonistIn die Perspektive und lässt sie abwechselnd in den Kapiteln zu Wort kommen.

Dank einer guten Figuren-Skizzierung finden die LeserInnen schnell einen Weg zu ihren ProtagonistInnen und in die Geschichte.

Kleinschrittig und wortgewandt nähern sich Benni und Jule an. Aber manchmal gibt es Situationen, für die es keine Wörter gibt. Sie hinterlassen eine Leere.... eine lexikalische Lücke.

 

Anja Kuypers

 

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Mein Leben als lexikalische Lücke

Kyra Groh

Arctis Verlag (2021)

Jugendbuch

broschiert, 448 Seiten

ISBN 978-3038800446

18 €

Die Welt, von der ich träume“ von Marie Pavlenko, Thienemann Verlag (2021)

 

Wenn die Stammes-Älteste beginnt von den alten Zeiten zu erzählen, hört Samaa (12) besonders gut zu.

Das Buch spielt in einer fernen, nicht näher bezifferten Zukunft, in der die Menschen wie Nomaden umher ziehen – immer auf der Suche nach den letzten Bäumen, die sie fällen und das „Olts“ verkaufen können.

Nachdem vor Ewigkeiten die Energien knapp wurden und die Temperaturen auf der Erde stetig anstiegen, ist der Lebensraum mittlerweile fast unbewohnbar geworden. Es gibt nur noch wenige Bäume und Sträucher, und die meisten Tierarten sind ebenfalls ausgestorben.

„Die Wüste hat gewonnen, die Bäume sterben.“

Die Älteste warnt vor dem weiteren Abholzen der letzten Bäume. Sie erinnert an die Welt, die es vor langer Zeit einmal gegeben hat und was mit ihr passiert ist.

Und doch ziehen die Jäger des Stammes umher und nutzen das „Olts“ als Verkaufs- und Tauschware.

„Von dem, was sie mitbringen, können wir mehrere Monate leben“, berichtet Samaa.

Sie will unbedingt Jägerin werden. „Ich will Jägerin werden. Ich werde das Schicksal aller Frauen verändern.“

Eines Tages schleicht sie den aufbrechenden Baum-Jägern unbemerkt hinterher, verliert aber deren Spur. Sie stürzt, fernab ihrer Heimat in eine Doline, eine Senke in einem Karstgebiet und ist wochenlang auf sich alleine gestellt.

Wie ein moderner, weiblicher Robinson Crusoe lernt sie ihre Umgebung nicht nur kennen, sondern auch zu schätzen. Erstmalig sieht sie einen großen Baum, manche Sträucher und einen See mit frischem Wasser. Mit der Zeit erkennt sie die Bedeutsamkeit des natürlichen Kreislaufs und schließt mit sich und der Natur ihren inneren Frieden.

Allerdings neigt sich ihr Proviant dem Ende, und ein Entkommen aus der Doline ist ohne fremde Hilfe schier unmöglich....

Ein sehr kurzweiliger Roman über ein Mädchen, die sich – trotz ihres jungen Alters – viele wertvolle Überlebensstrategien erarbeitet. Manchmal ein wenig zu erwachsen.

Geschrieben in der Ich-Perspektive Samaas beinhaltet die vielschichtige Geschichte Themen, wie Natur, Umwelt und in Teilen auch Emanzipation.

Keine Zukunft ohne Bäume könnte der Subtext zu diesem Buch in Zeiten des akuten Klimawandels heißen. Gelungen!

 

Anja Kuypers

 

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Die Welt, von der ich träume

Marie Pavlenko

Thienemann Verlag (2021)

Jugendbuch

gebunden, 176 Seiten

ISBN 978-3522185578

13 €

Perfect Storm“ von Dirk Reinhardt, Gerstenberg Verlag (2021)

 

Was für ein rasanter, mitreißender Jugendroman...

Sechs Jugendliche, die weltweit verteilt leben, treffen sich in einem Online-Spiel.

Alle sind überdurchschnittlich intelligent, führen unterschiedliche Leben, und jeder hadert irgendwie mit seinem persönlichen Schicksal. Die Flucht ins anonyme Netz kam gerade recht.

Die sechs gründen innerhalb des Online-Spieles eine separate Gilde, die sich stets für das Gute einsetzt und Gerechtigkeit erkämpft. Mit der Zeit lernen sie einander besser kennen.

Auf diese Art erfahren sie vom Schicksal des Mitspielers Boubacar alias BlackLumumba, der aus dem Kongo stammt. Der dortige Krieg dauert an, und die Kinder vor Ort müssen zum Schürfen des neuen Goldes Coltan täglich in die unsicheren Minen krabbeln und unter dramatischen Bedingungen arbeiten. Sie erhalten weder Schutz, noch eine ausreichende Entlohnung.

Zwei US-amerikanische Mega-Konzerne bereichern sich über die Rebellen im Kongo an dem Rohstoff, der vorwiegend zur Herstellung von Mobiltelefonen verwendet wird.

Das System korrumpiert, und es sterben Menschen. „.... immer wenn irgendwo auf der Welt in irgendeiner Hosentasche ein Smartphone vibriert, kriecht gerade ein Junge durch einen Stollen in den Minen von Kivu.“,

Aus dem Spiel wird Realität: die Jugendlichen planen einen digitalen Feldzug gegen die Konzerne.

Akribisch konzipiert wollen sie die „Typen für ihre Arroganz bestrafen.“.

Im Sinne der Menschenrechte enttarnen sie die Großen und machen das Böse öffentlich.

Allesamt haben sie nichts zu verlieren. Sie lieben das Risiko und wollen Vergeltung.

Der erste große Coup gelingt, aber sie wollen mehr. Sie wollen in die erste Liga der Internetaktivisten unter den Hackern. Auf ihrer Suche nach weiteren Beweisen für die Ungerechtigkeit, beginnen sie aber Fehler zu machen.

Außerdem werden sie mittlerweile von der NSA verfolgt, die ihnen gefährlich nahe kommt....

Die Geschichte spielt im Zeitraum zwischen April und August 2020, wobei die Pandemie nur eine Nebenrolle einnimmt.

Anhand zahlreicher Auszüge der abgehörten und dokumentierten Chatverläufe sowie diverser Meeting-Protokolle seitens der NSA lernen die Leser*innen die Protagonist*innen bestens kennen. Man mutiert selber zu Ermittler*innen und beginnt eigene Schlüsse zu ziehen.

Die gute Struktur des Buches sowie der permanent gespannte, rote Faden gestaltet das Lesen des Romans sehr kurzweilig und unglaublich spannend. Für die vielen verwendeten Fachbegriffe steht ein Glossar zur Verfügung. Ein Jugend-Thriller, der es in sich hat.

 

Anja Kuypers

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Perfect Storm

Dirk Reinhardt

Gerstenberg Verlag (2021)

Jugendbuch

broschiert, 414 Seiten

ISBN 978-3836960991

18 €

Krummer Hund“ von Juliane Picke, Beltz und Gelberg Verlag (2021)

 

„Wenn ich meine „Anfälle“ habe, fühlt es sich so an, als würde ich einer anderen Spezies angehören.“

Daniel (15) lebt alleine mit seiner Mutter zusammen, nachdem der Vater die Familie aus unerklärlichen Gründen vor fünf Jahren verließ. Am Abreisetag überreicht er seinem Sohn Ozzy, einen Mischlingsrüden. Selbstredend ist der Hund kein Vaterersatz und doch nimmt er in Daniels Leben einen besonderen Platz ein. Als der Hund Jahre später eingeschläfert werden muss, bricht erneut eine Welt für Daniel zusammen. Wieder einmal wird er verlassen, und seine Mutter kann ihn nur bedingt auffangen. Sie ist sehr labil und seit Jahren auf der Suche nach einer intakten Beziehung. Sie versucht es jedem potentiellen Partner immer recht zu machen.

Beide haben psychische Probleme, die ihnen mal mehr, mal weniger bewusst sind. Die Mutter hat Bindungsängste, und Daniel leidet unter den Wutanfällen, die er kaum kontrollieren kann. Emotionen stauen sich in ihm auf, er ringt nach Luft. Er bemerkt „diese merkwürdige Hitze“, bevor die Wut explodiert und er nicht mehr er selber ist. Damit verletzt er sich und andere.

Eine Psychotherapie soll helfen... „Reiß. Dich. Zusammen. Etwas in mir reißt auseinander.“

Daniel bezeichnet sich selber als Freak. Lediglich Edgar, sein einzige Freund, scheint noch skurriler als er zu sein. Edgar will die gemeinen Taten und Äußerungen der Klassenmobberin „Prinzessin Evil alias Alina“ rächen. Entgegen Daniels Absicht, Edgar bei seinem Vorhaben zu unterstützen, beginnt er, Alina zu treffen. Als ihr depressiver Bruder stirbt, eskaliert die Situation, und Daniel verdächtigt zwischenzeitlich sogar den neuen Freund seiner Mutter.

Daniel führt ein intensives, junges Leben, das viele Hürden meistern muss.

Ein wunderbarer Romanauftakt der wortgewaltigen Autorin.

Mit verhältnismäßig kurzen Kapiteln sorgt sie für einen andauernden Spannungsbogen und kurzweiliges Lesevergnügen.

 

Anja Kuypers

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Krummer Hund

Juliane Pickel

Beltz und Gelberg Verlag (2021)

Jugendbuch

broschiert, 264 Seiten

ISBN 978-3407758750

14,95 €

Sechs Leben“ von Véronique Petit, Mixtvision Verlag (2021)

 

Was wäre, wenn ein Mensch mehrere Leben hätte? Was, wenn anhand des Blutplasmas die genaue Anzahl Leben diagnostiziert werden könnte? Was, wenn er nach jedem Tod seiner Bonusleben einfach mit ein paar kleinen Blessuren wieder aufwachen und weiter leben würde?

Der 15jährige Gabriel erfährt, dass er ganze sechs Leben hat. Sein eigenes zuzüglich fünf Bonusleben. Damit gehört er zu einer Minderheit unter den „Multis“. Die meisten haben nur zwei oder drei Leben, manche sind sogar nur „Monos“ und haben nicht das Glück mehrerer Leben.

„Ich wurde plötzlich zu einem Superhelden, hineingeworfen in eine Welt, in der ich alle Grenzen sprengen konnte, wo das Wort „unmöglich“ nicht mehr existieren würde.“

Die Geschichte spielt in der Jetzt-Zeit in Frankreich und wird aus der Ich-Perspektive Gabriels erzählt. Die Autorin vermittelt ein Weltbild, in dem es schon immer „Multis“ gegeben hat.

Der sonst in allen Lebenslagen eher mittelmäßige Gabriel hat auf einmal Bewunderer. „...seitdem ich sechs Leben habe, existiere ich in den Augen der anderen.“

Gabriel liebt das Fallschirmspringen und jetzt, mit seinen vielen Boni, geht er deutlich mehr Risiken ein. Aber anders als in seinen Computerspielen, in denen er abstürzt, stirbt, wieder aufsteht und zahlreiche neue Leben hat, sind seine begrenzt. Das Leben ist eben doch kein Spiel.

Innerhalb kürzester Zeit reduziert er seine Multileben erheblich. Er beginnt zu lügen und ist genervt von seiner eher vorsichtigen Mutter, die regelmäßig aus der „Risikobibel“ zitiert.

Vermehrt will er gefallen, sucht nach Aufmerksamkeit und möchte seine Herzensdame Milo erobern.

Irgendwann aber beginnt Gabriel zu verstehen und versucht Leben zu retten, statt seine immer von Neuem aufs Spiel zu setzen.

„Ich will niemandem mehr schaden. Ich weigere mich, ein kleines Arschloch zu werden.“

Zweifel setzt ein: sind Multis Helden oder verspielen sie nur leichtsinnig ihre Leben?

Und „warum haben manche das Recht auf eine zweite Chance und andere nicht?“.

Das Buch setzt sich gekonnt mit den philosophischen Ansätzen hinter der Geschichte auseinander.

Verbunden mit der Tatsache, dass sich Gabriel inmitten der Pubertät befindet.

Die Geschichte liest sich wie ein Countdown. Die grobe Kapiteleinteilung orientiert sich an den sechs Leben. Eine geschickte Struktur, um den Spannungsbogen zu halten.

Das Buch überzeugt und fesselt sofort. Leider schwächelt es zum Ende ein wenig. In Anlehnung an den rasanten Plot, wäre ein alternatives Ende vielleicht besser gewesen.

 

Anja Kuypers

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Sechs Leben

Véronique Petit

Mixtvision Verlag (2021)

Jugendbuch

gebunden, 223 Seiten

ISBN 978-3958541627

15 €

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Ringo, ich und ein komplett ahnungsloser Sommer“ von Judith Burger, Gerstenberg Verlag (2021)

 

„Der Sommer gehört uns“, denkt sich die zwölfjährige Asta, als sie wie jedes Jahr in den Sommerferien ins ländlich gelegene Örtchen Geschrey an der Wipper fährt, um dort ihre Eltern bei der Umsetzung des Sommer-Theaterstückes zu unterstützen und ihren besten Freund Ringo (13) zu treffen.

Sie braucht keine fernen Reisen oder irgendeine Form des Luxus` in den Ferien. Asta ist ein zufriedenes, bodenständiges Mädchen, offen, herzlich und hält Ringo für den „klügsten Jungen der Welt“.

In diesem Jahr übernimmt sie sogar eine kleine Rolle in dem Stück, das ihre Eltern auf der Waldbühne in Geschrey jährlich inszenieren. Leider hat sie das Lampenfieber nicht kalkuliert, was sie zur Aufgabe ihres Traumes, Schauspielerin zu werden zwingt.

Dagegen entpuppt sich Ringo als großes Talent und übernimmt ihre Rolle. „Ringo bewegt sich, als würde er schon sein ganzen Leben da oben stehen. Er leuchtet wie von innen heraus.“

Obwohl sich Asta mit dem Einspringen ihres Freundes einverstanden erklärt, kann sie mit der neuen Situation gar nicht umgehen.

Überhaupt scheint in diesem Jahr alles anders zu sein. Sie nimmt bei sich, aber auch bei Ringo körperliche Veränderungen wahr. Auch Geschrey hat sich verändert. Selbst die Sorten in der Eisdiele sind nicht mehr die gleichen... Wer hat schon Lust auf „Basilikum-Rose“?

Irgendwie hat „man früher mehr gelacht“.

Dieser Sommer ist zunächst schwierig für Asta. Ihr persönliches Versagen, die vielen Stolpersteine in der Beziehung zu Ringo und ihre Eltern, die ausnahmslos in Theatervorbereitungen feststecken. Deshalb verbringt sie viel Zeit am See und entdeckt ihre Leidenschaft für das Tauchen.

Asta trifft Ringo ab und zu in den verlassenen Räumlichkeiten der erst kürzlich geschlossenen Kita des Dorfes. Eine wunderbare Metapher über die endende Kindheit und den Aufbruch in einen ungewissen, neuen Lebensabschnitt.

Ein tolles Buch, das sich den vielen, unterschiedlichen Ausprägungen von Veränderungen annimmt und Antworten auf die Frage Passen wir danach wieder zusammen? sucht.

Eingerahmt in die krisenerprobte Beziehung zweier, junger Menschen. Das Leben entwickelt sich, und manche Dinge überdauern.

Der Autorin gelingt ein besonderer Erzählton, der das Lesevergnügen anknipst und dauerhaft leuchten lässt.

So geht Bücherschreiben! DANKE

 

Anja Kuypers

 

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Ringo, ich und ein komplett ahnungsloser Sommer

Judith Burger

Gerstenberg Verlag (2021)

Jugendbuch

gebunden, 176 Seiten

ISBN 978-3836961127

14 €

Alles wird gut, immer“ von Kathleen Vereecken, Gerstenberg Verlag (2021)

 

„Was ist Krieg?, wollten alle wissen. Was passiert dann? Es wird gekämpft, erzählte er. Häuser werden in Brand gesteckt, Bomben geworfen. Und Menschen erschossen. Aber mich interessierte bloß, warum.“

Alice lebt mit ihren vier Geschwistern und Eltern im belgischen Dorf Ypern. Eine ländliche Idylle, die bislang nur vom zweiten Weltkrieg gehört hat. Ein schwereloses Leben, in dem man noch bedingungslos Bonbons aus einer zur Weltkugel umgebauten Bonboniere naschen kann.

Alles ändert sich, als plötzlich die ersten Flüchtlinge durch das Dorf ziehen und kurze Zeit später sogar Soldaten einmarschieren. Die Front, die bislang nur ein „leuchtendes Orange am Horizont“ war, rückt näher, und die Auswirkungen des Krieges werden spürbar.

„Hinten im Garten schien der Krieg weit weg zu sein“ Alice spielt weiter mit ihren Freundinnen. Zeitweise simulieren sie spielerisch den Krieg, und Naivität macht sich breit.

„Ohne die Deutschen geht das Spiel nicht.“

Die Geschichte schildert die Ereignisse aus der Sicht Alice`, einem jungen Mädchen, die einen anderen Blick hat und sich ihre eigene Meinung bildet.

„Wir waren aus Versehen in einen echten Krieg geraten.“ Die Familie entscheidet sich zunächst zur Flucht, um kurz darauf festzustellen, dass „nichts schlimmer war, als zu fliehen“.

Alice muss auf einmal Hunger leiden, Tote sehen, eigene Verluste hinnehmen, Gasangriffe meistern und frieren. Es werden „Stinkehäuser“ bewohnt und Scheunen mit anderen Menschen geteilt.

Und trotzdem geht es irgendwie immer weiter.....

Der Text spielt mit Doppeldeutungen und kindlichen Vergleichen. So beschreibt Alice den Fliegeralarm mit einem hohen Geigenton.

Ein Buch über „liebenswerte Lügen“, ein Buch über französische Nonnen und Menschen die nicht zweimal sterben können. Herzerwärmend klar und unverblümt aus der Sicht eines Mädchens, die viel zu schnell erwachsen werden muss.

 

Anja Kuypers

 

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Alles wird gut, immer

Kathleen Vereecken

Illustrationen von Julie Völk

Gerstenberg Verlag (2021)

Kinderbuch

gebunden, 144 Seiten

ISBN 978-3836960618

14 €

Insel der Waisen“ von Laurel Snyder, Mixtvision Verlag (2020)

 

Jedes Mal, wenn die Glocke läutet, taucht aus dem dichten Nebel, der die Insel permanent umgibt, ein kleines, grünes Boot auf und lockt die neun Inselbewohner an den Strand.

Es sind Mädchen und Jungen zwischen ungefähr drei und zwölf Jahren, die alleine auf der Insel leben und sich dort eingerichtet haben. Allesamt kamen sie als Kleinkinder dorthin, erinnern sich aber kaum an ihre Vergangenheit und an das, was war.

Auf der Insel herrschen geregelte Tagesabläufe. Rituale werden gepflegt und es gibt kaum Zwist untereinander. Ein Paradies, in dem immer die Sonne scheint, man aufeinander Acht gibt und sich gegenseitig hilft. Die Kinder ernähren sich von dem, was der Inselbewuchs hergibt.

Einmal im Jahr bringt das Boot ein kleines Kind zur Insel, welches vom Zweitältesten in Empfang genommen und aufgezogen wird. Das älteste Kind steigt in Folge ungefragt in das Boot, bevor dieses wieder ablegt und im Nebel ins Nichts verschwindet. Keiner weiß, woher die Kinder kommen und wohin die Kinder gehen...

Als der Älteste – Dean – die Insel verlassen muss, nimmt die neue Älteste – Jinny - „ihr“ Kind mit Namen Ess in Empfang und kümmert sich um sie. Zunächst fällt ihr die Rolle als Tonangebende schwer und auch in der Erziehung stolpert sie über manches Hindernis.Sie soll dem kleinen Mädchen Ess alles Überlebenswichtige und Relevante zum Leben auf der Insel beibringen.

Jinny beginnt an Vielem zu zweifeln und stellt erstmals die Insel und das Leben aller in Frage.

Als der Tag kommt, an dem sie als Älteste mit dem Boot die Insel verlassen soll, rebelliert sie und bleibt. Das Leben ist fortan nicht mehr das, was es mal war. Das Wetter verändert sich, die Stimmung unter den Kindern schlägt um und es passieren kleine und große Katastrophen.

Jinny, die kurze Zeit später ihre Pubertät erlebt, kommt an ihre Grenzen.

Die Geschichte fesselt trotz ihres ruhigen Verlaufs von Beginn an. Man möchte Antworten auf so viele Fragen erhalten, die leider ausbleiben. Das Buch erzählt vornehmlich vom Leben auf der Insel und einer stillen Heldin, die sich traut, anders zu sein.

Die Leser dürfen kein fertiges Menü erwarten, sondern werden vielmehr aufgefordert, eigene Zutaten hinzuzufügen.

Eine gute Geschichte, wunderbar geschrieben, der ein Ende fehlt.... Oder doch nicht?

 

Anja Kuypers

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Insel der Waisen

Laurel Snyder

Mixtvision Verlag (2020)

Jugendbuch

gebunden, 300 Seiten

Altersempfehlung ab 12 Jahren

ISBN 978-3958541467

Preis 17 €

Scherbenhelden“ von Johannes Herwig, Gerstenberg Verlag (2020)

 

Ninos (15) Welt beginnt zu bröckeln, als seine Mutter ihn und seinen Vater verließ vor sieben Jahren verließ, um kurz vor der Wende dem System der DDR zu entfliehen und im Westen ihr Glück zu suchen.

Mit zunehmenden Alter fehlt Nino ein reifer Ansprechpartner, ein Vorbild, das mit Rat und Tat zur Seite steht. Sein Vater ist zwar redlich bemüht, es fehlt ihm aber an Offenheit und Redevergnügen. Mit seinem besten Freund Max (15) versucht er im trostlosen Leipzig irgendeiner Lebensspur nachzukommen.

Die beiden Gymnasiasten verbringen viel Zeit mit Kiffen und Bier trinken sowie der Suche nach Antworten auf die Frage, was dieses neue, offene „Alles-ist-möglich-Leben“ wohl bringen wird.

„... das Gefühl, nirgendwo so richtig dazu zu gehören. Draußen zu stehen. Das vielleicht auch so zu wollen....“

Entgegen von Max, dessen Eltern ihn rechtzeitig ausbremsen, gerät Nino nach und nach in die Punkerszene der Stadt, wo Kriminalität und Drogen Tagesgeschäft sind. Sie provozieren, randalieren, wissen nicht wohin mit sich.

Zum ersten Mal nach langer Zeit fühlt er sich aufgehoben und verstanden. Hier kann er so sein, wie er will. Es interessiert niemanden. Sein wortkarger Vater kommentiert die Verwandlung seines Sohnes kaum. Er scheint mit der neuen Situation überlastet zu sein.

Auch wenn Nino sich der Gruppierung optisch durch entsprechende Kleidung und einen Irokesen-Haarschnitt anpasst, bleibt er bei den meisten geplanten und ungeplanten Gewalt-Aktionen der Szene im Hintergrund. Er ist vielmehr an der vierzehnjährigen Zombie interessiert, die ebenfalls Teil der Gruppe ist.

Die Geschichte beginnt mit einem dramatischen Auftakt, der nach einer Reihe von Rückblenden erst am Ende aufgelöst wird.

Sämtliche Figuren des Buches werden authentisch beschrieben und schnell ist man Teil des aufwühlenden Jugendromans, der die Themen der vergangenen 90iger Jahre im Osten wunderbar skizziert.

Ein wirklich gutes Buch!

 

Anja Kuypers

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Scherbenhelden

Johannes Herwig

Gerstenberg Verlag (2020)

Jugendbuch

gebunden, 272 Seiten

Altersempfehlung ab 14 Jahren

ISBN 978-3836960595

Preis 16 €

Wörter an den Wänden“ von Julia Walton, Arctis Verlag (2020)

 

Adam Petrazelli ist 16 Jahre alt und schizophren. Mit 14 erhält er die offizielle Diagnose für seine gestörte Gefühlswahrnehmung, die ihn seit frühester Kindheit begleitet. Adam sieht Menschen. Allen voran die schöne Rebecca, die stets an seiner Seite ist und eine Art Gefühlsspiegelbild darstellt. Des Weiteren spielt der nackte, harmlose Jason, aber auch manch aggressiver Mafiosi-Boss eine Rolle. Es fällt ihm zunehmend schwerer zwischen Fiktion und Realität unterscheiden zu können. „Sie werden kommen, wenn ihnen danach ist! Das tun sie immer.“

Deshalb nimmt er seit kurzem an einer klinischen Medikamentenstudie zur Eindämmung der Symptome teil und testet das Mittel Tozaprex.

Die Studie geht mit regelmäßigen Therapiesitzungen einher, um seinen Gemütszustand besser beurteilen zu können. Allerdings verweigert der intelligente Adam partout jegliche Form der verbalen Kommunikation mit dem Therapeuten. Also schreibt er ihm stattdessen und führt Tagebuch. Es sind seine ganz persönlichen Erfahrungen, die er mit Zusatzkommentaren für den Therapeuten versieht.

Die Geschichte erzählt von den Eindrücken eines Schuljahres. Wieder einmal muss er nach Bekanntwerden seiner Krankheit die Schule wechseln.

In der neuen Einrichtung schließt er schnell Freundschaft mit Dwight und entdeckt die erste Liebe mit Maya. Adam verheimlicht die Schizophrenie - findet immer Wege und Entschuldigungen für sein Verhalten.

Seine fürsorgliche Mutter sowie sein Stiefvater Paul sind ihm im Umgang mit der Krankheit eine große Stütze.

Die Medikamentenstudie entwickelt sich leider nicht so, wie Adam es sich gewünscht hätte und auch an der Schule meint es nicht jeder gut mit ihm. Es kommt zu einigen Eskalationen...

Jedes Kapitel beginnt mit einem kurzen Eintrag über die Dosierung sowie den Allgemeinzustand Adams durch den Therapeuten, gefolgt von Adams Tagebucheintrag.

Dieses Buch fesselt, nimmt die LeserInnen mit auf eine Reise in die Umgebung einer Krankheit, die jeder kennt, aber kaum Näheres darüber weiß.

Geradezu wellenartig schwappen die Emotionen in der Geschichte auf und nieder, teilweise in Abhängigkeit von der Dosierung Tozaprex`.

„Es gibt keinerlei Privatsphäre mit dieser Krankheit.“ - so heißt es im Text. Wohl wissend, dass sich die Aussage auf die Schizophrenie bezieht. Aber der Autorin gelingt durch ihre Art zu schreiben eine Nähe zwischen LeserIn und Protagonist, die einer Privatsphäre gleichkommt.

Sehr gerne empfohlen.

 

Anja Kuypers

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Wörter an den Wänden

Julia Walton

Arctis Verlag (2020)

Jugendbuch

295 Seiten

ISBN 978-3038800392

18 €

Milchgesicht“ von Christian Duda, Beltz&Gelberg (2020)

 

Mit einem Intro, das die LeserInnen auf die eigentliche Geschichte vorbereiten soll, beginnt das Buch aus der Feder des mehrfach ausgezeichneten Autors.

Man lernt seine österreichischen Großeltern kennen, die sich Zeit ihres Lebens miteinander arrangiert haben. Erst als der jähzornige Großvater Christian stirbt, blüht Oma Cäcilia auf und beginnt ihr Leben zu genießen. Nach ihrem Tod findet der Autor Briefe und Zeitungsausschnitte in einer alten Schublade und fängt an, sich aus den Schnipseln eine Geschichte „zusammen zu glauben“.

Held dieser Geschichte ist Sepp. Einer der vielen „Sepperl“ im österreichischen Raum, der eigentlich Josef heißt und bei seiner Tante aufwächst. Wegen seiner Kränklichkeit, die mit einem käsigen, fahlen Gesichtsausdruck und stets entzündeten Augen einhergeht, haben seine Eltern entschieden, ihn „abzugeben“. „Milchgesicht“ wird er überall genannt. Dies ist noch die harmloseste aller Bezeichnungen, die er im Laufe seines Lebens ertragen muss... Seine Tante kümmert sich rührend und erzieht Sepp zu einem stattlichen Burschen. Leider gibt er sich mit den Falschen ab, und er bleibt der mysteriöse Kranke, dem niemand so recht trauen mag. Er war immer schon „hinter dahinter“.

Duda thematisiert auch in diesem Roman das Ausgrenzen innerhalb von Familien und Gesellschaften. „Hier ist man ein Leben lang am Rand von allen Thema.“ Er schreibt über Zwietracht, Missgunst und Getratsche im ländlichen Raum und legt den Finger dorthin, wo es weh tut. Mit ungeschönter Sprache beschreibt er detailliert die Naivität Sepps zur Mitte des 20. Jahrhunderts und deren dramatische Konsequenzen.

Das Buch ist die Skizze eines Lebens, das „Zusammenglauben“ von Schnipseln, die am Ende eine lesenswerte, anspruchsvolle Geschichte ergeben.

 

Anja Kuypers

 

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Milchgesicht

Christian Duda

Beltz&Gelberg (2020)

Jugendbuch

156 Seiten

ISBN 978-3407755438

13,95 €

Sicherheit ist eine verdammt fiese Illusion“ von Kyra Groh, Arctis Verlag (2020)

 

Mia ist 17 Jahre alt und lebt mir ihrem Vater, der ein Fitnessstudio betreibt, alleine. Sie sind ein gutes Team. Wäre da nicht DAS Geheimnis, das nur Mia kennt....

Seit frühester Kindheit leidet Mia unter Analgesie, einer Krankheit, die sie keinen Schmerz empfinden lässt. Klingt praktisch, ist es aber nicht. So erleidet sie unter anderem zahlreiche Knochenbrüche, weil sie nie gelernt hat, aus schmerzerfüllten Situationen zu lernen und sich in Vorsicht zu üben. Mia ist nie sicher vor weiteren Verletzungen.

Jake ist bereits 18 Jahre alt und besucht, als Sohn eines reichen und berühmten Vaters, eine Privatschule und kann sich darüber hinaus noch Vieles mehr leisten. Leider keinen neuen Vater.... Denn dieser tyrannisiert seine Familie bis aufs Äußerste. Jake sucht Flucht in der körperlichen Fitness, um stets gegen die Anfeindungen seines Vaters gewappnet zu sein.

Auch er kann sich nie sicher sein, ob die familiäre Situation weiter eskalieren wird....

Gefangen im Aufbruch zum Erwachsenwerden treffen Mia und Jake aufeinander.

Rätsel und Geheimnisse scheinen unüberwindbar. Kann man dem anderen vertrauen?

Dieses Buch fesselt. Obwohl es nach einer banalen Story klingt, sticht es durch die exakten Beschreibungen der Gefühlswirrungen aus der Masse hervor.

Die Erzählperspektiven wechseln kapitelweise zwischen Jake und Mia.

Der jungen Autorin gelingt es, die LeserInnen von Beginn an die Seite der ProtagonistInnen zu stellen. Unweigerlich begleitet man die HandlungsteilnehmerInnen durch die Geschichte.

Ein tolles Buch!

Anja Kuypers

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Sicherheit ist eine verdammt fiese Illusion

Kyra Groh

Arctis Verlag (2020)

Jugendbuch

464 Seiten

ISBN 978-3038800385

18 €

Sommer ist trotzdem“ von Espen Dekko, Thienemann Verlag (2020)

 

Dem norwegischen Autor und ausgebildetem Puppenspieler ist mit diesem Buch etwas Besonderes gelungen. Aus Sicht eines namenlosen Mädchens wird in der Geschichte die Bedeutung vom Tod eines geliebten Menschen thematisiert.

Das „Mädchen“ ist 11 Jahre alt und hat vor kurzem ihren geliebten Vater verloren. „Papa, der einmal der stärkste auf der Welt gewesen war.“

Wie jedes Jahr verbringt sie auch diesmal ihre Ferien bei ihren Großeltern, die am Meer leben.

„Alles sieht aus wie immer. Als wäre nichts passiert.“ Doch die Idylle trügt.....

Das Mädchen wird auch hier mit dem Tode konfrontiert: ein Wal verendet, die Hauskatze verliert ihre Jungen.

Die Großeltern sind bemüht, ihrer Enkelin Halt zu geben. „Oma kann so viel mit ihrem Händedruck sagen.“ Sie gestalten Beerdigungen und halten Trauerfeiern für die verstorbenen Tiere. „Ich will einfach nur, dass niemand stirbt“, sagt das Mädchen. Doch die Erinnerungen kehren zurück...

Eine Geschichte über Verdrängung und Zulassen. Über Erschöpfung und Ruhe.

Mit einer einfühlsamen, kindlichen Protagonistin, die versucht erwachsen zu handeln. „Ich will über die Dinge sprechen, die wir wissen. Nicht über solche, die wir nur vermuten...“

Die bildhafte Sprache sowie die wunderbaren Wortkreationen des Autors tragen die LeserInnen durch die Geschichte und öffnen Türen.

Ein wunderbares Buch, das mit Taschentüchern im Umschlag geliefert werden sollte...

 

Anja Kuypers

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Sommer ist trotzdem

Espen Dekko

Thienemann Verlag (2020)

Kinderbuch

204 Seiten

ISBN 978-3522185318

13 €

Code Orestes – Das auserwählte Kind“ von Maria Engstrand, Mixtvision Verlag (2020)

 

Die 12jährige Mailin lebt mit ihren Eltern in einem Vorort Göteborgs in Schweden. Ihre Mutter ist ein Technik-Freak und arbeitet als Programmiererin. Mailins Vater erholt sich von einem schweren Herzinfarkt und kümmert sich, so gut es geht, um den Haushalt.

Trotz ihres engen Verhältnisses zur Mutter, erzählt Mailin ihr nicht, dass sie eines Abends von einem Fremden angesprochen wird, der ihr zugleich noch einen mysteriösen Brief überreicht. Sie soll ihn einem „Rutenkind“ aushändigen, welches ihr in 100 Tagen begegnen wird. „Ein Auftrag, von dem die Zukunft abhängt“, so der geheimnisvolle Mann. Als nach gut drei Monaten eine neue Familie in die direkte Nachbarschaft zieht und sich der ebenfalls 12jährige Sohn – Orestes – als hochintelligenter Eigenbrötler entpuppt, steht für Mailin fest, dass nur er das „Rutenkind“ sein kann. Sie händigt ihm den Brief aus und die Reise beginnt...

Eine Reise in verschlüsselte Codes und Versuche diese zu dechiffrieren. Die beiden Kinder freunden sich an und lassen sich auf ein Abenteuer ein, das eine Schnittstelle zu einer Parallelgeschichte in die Vergangenheit parat hält.

Die Geschichte lebt vom Codieren und Decodieren, enthält viele Geheimnisse rund um die Stadt, in der die Kinder leben und um die jeweiligen Familien. Welche Bedeutung haben die Sternenkonstellationen? Und ist die Erdstrahlung wirklich wichtig oder nur Humbug?

Jede Menge Nebenschauplätze verwirren zuweilen und verwischen den roten Faden.

Dieser Auftaktband einer angekündigten Trilogie liest sich nicht immer fließend, hält aber dennoch einen gewissen Nervenkitzel vor, der für Mädchen und Jungen gleichermaßen von Interesse sein dürfte.

Man darf auf den Folgeband gespannt sein.....

 

Anja Kuypers

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Code Orestes – Das auserwählte Kind

Maria Engstrand

Mixtvision Verlag (2020)

Kinderbuch

ab 11 Jahren

384 Seiten

ISBN 978-3958541535

ca. Preis 16 €

Was ist mit uns“ von Becky Albertalli und Adam Silvera, Atrium Verlag (2019)

 

Ein Sommer, eine Liebe

Arthur (17) zieht mit seinen Eltern über den Sommer nach New York. Seine Mutter ist Anwältin und muss für einen wichtigen Fall vor Ort sein. Arthur nutzt die Chance und jobbt unterdessen in ihrer Kanzlei. Er möchte später Jura in Yale studieren.

Im Rahmen dieser Tätigkeit begegnet er auf einem seiner Botengänge dem Puerto Ricaner Ben (17) im Postamt. Sie kommen zufällig ins Gespräch und sind sofort aneinander interessiert.

Ohne die Namen oder Rufnummern auszutauschen, verlieren sie sich aus den Augen, und es beginnt für beide eine detektivische Suche nach dem jeweils anderen. Sie haben nur kleine Anhaltspunkte und starten mit Hilfe von Freunden akribische Recherchen und formulieren Suchaufrufe im Netz.

Irgendwann glückt der Versuch und die beiden, ungleichen, jungen Männer treffen aufeinander. So groß war die Sehnsucht nach dem anderen, so ernüchternd die Erkenntnis, dass die Idee der „Liebe auf den ersten Blick“ nicht immer funktioniert. Die Andersartigkeit des Einzelnen erscheint zunächst als Hindernis. Es bedarf mehrerer Anläufe, bevor Arthur und Ben sich als Paar outen können. Obwohl Ben die Trennung von seinem letzten Partner offensichtlich noch nicht verwunden hat. Irgendwann erreichen sie den Punkt, an dem sich die Gegensätze anziehen.

Ein Sommermärchen beginnt und endet anders, als erhofft oder erwartet.

Die beiden Figuren werden gut nachvollziehbar skizziert. Die Homosexualität wird kaum thematisiert. Ganz selbstverständlich wird sie in die Geschichte verpackt und inhaltlich verwertet. Sehr gut!

Zuweilen werden die Recherchebemühungen nach dem jeweils anderen zu langatmig und ausschweifend erzählt.

In Summe ist es aber ein guter, leicht zu lesender Roman, der gerne empfohlen wird.

 

Anja Kuypers

 

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Was ist mit uns?

Becky Albertalli und Adam Silvera

Atrium Verlag (2019)

Jugendbuch

gebunden, 416 Seiten

Altersempfehlung ab 14 Jahren

ISBN 978-3038800309

ca. Preis 19 €

Beinahe Herbst“ von Marianne Kaurin, Arctis Verlag (2019)

 

Die Geschichte spielt im norwegischen Oslo im Jahre 1942. Die fünfzehnjährige Ilse Stern lebt mit ihren Eltern, ihrer älteren Schwester Sonja und ihrer jüngeren Schwester Miriam in einem Mehrfamilienhaus. Der Vater führt einen Gemischtwaren-Handel. Seitdem deutsche Soldaten in Oslo Einzug gehalten haben und die Schulen okkupiert wurden, arbeiten Ilse und Sonja im Geschäft ihres Vaters mit. Sonja würde viel lieber ihr Hobby zum Beruf machen und als professionelle Näherin im Theater arbeiten.

Entgegen der besonnenen und ruhigen Sonja, ist Ilse die rebellische Tochter. Sie ist abenteuerlustig, möchte Dinge erleben, die Sinn verleihen. Sehr zum Leidwesen ihrer Mutter, zu der sie ein schwieriges Verhältnis hat. Ilse schleicht sich des Öfteren unbemerkt aus der Wohnung, um ihren unwesentlich älteren Freund Hermann zu treffen, der mit seiner Familie ebenfalls in dem Haus lebt. Trotz zunehmender Kriegswirren verläuft das Leben in Oslo weiter in annähernd geregelten Bahnen. Man hat sich mit den Einschränkungen arrangiert. So auch Ilses Vater Isaak, der das Haus morgens vor seinen Töchtern verlässt, um die Ladenfenster von den Juden verachtenden Schmierereien zu säubern. Stoisch werden die Probleme beiseite gewischt.

Das Leben ändert sich allerdings fortan, als Isaak eines Morgens von der Polizei abgeholt wird und die Familie alleine zurückbleibt. Ilses Mutter fällt in eine Depression, und Sonja nimmt die Rolle der Erwachsenen ein. Zum Glück kümmert sich Hermann, der Mitglied einer Untergrundorganisation geworden ist und über geplante Polizeieinsätze Bescheid weiß, rechtzeitig um Ilse. Er lockt sie zu einem Ausflug aus dem Haus. Auf diese Weise ist sie in Sicherheit, als der Rest der jüdischen Familie abgeholt wird.

Auch die restlichen Hausbewohner sind in den antisemitischen Verwandlungsprozess involviert. Jeder auf seine Art.

Gleich welcher Herkunft, gleich welche Zeit, gleich welches Land, gleich welcher Umstände – die Besonderheiten junger Menschen auf ihrem Weg zum Erwachsensein sind immer und überall gleich. Das Buch bringt es gekonnt auf den Punkt und ergänzt Historisches, verpackt in Prosa. Eine gut gemachte Geschichte über die Deportation der Juden, kurz vor Kriegsende im skandinavischen Raum.

In auktorialer Weise erzählt, fällt das Buch durch die haptische Machart des Covers auf. Rot goldene Herbstfarben wechseln sich ab. Der Herbst, als Sinnbild für Veränderung. Gerne empfohlen.

 

Anja Kuypers

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Beinahe Herbst

Marianne Kaurin

Arctis Verlag (2019)

Jugendbuch

gebunden, 224 Seiten

Altersempfehlung ab 14 Jahren

ISBN 978-3038800316

ca. Preis 16 €

Wer ist Edward Moon“ von Sarah Crossan, Mixtvision Verlag (2019)

 

In typischer Sarah Crossan Manier, wird die Geschichte im poetischen Schreibstil erzählt. Wunderbar zu lesen, und aufgrund der überschaubaren Textmenge pro Seite ein ansprechender Anlass für Lesemuffel!

Diesmal greift die zurecht mehrfach prämierte Autorin das schwierige Thema Todesstrafe auf und setzt sich in dem Buch damit kontrovers auseinander.

Die Rede ist von Edward „Ed“ Moon, der mit 18 Jahren angeblich einen Mord begangen haben soll. Sein bereits zerrüttetes Verhältnis zur Mutter bricht zu dem Zeitpunkt seiner Verhaftung vollends entzwei. Die Mutter verfällt dem Alkohol und vernachlässigt ihre beiden jüngeren Kinder Joseph „Joe“ und Angela mehr und mehr, bevor sie die Familie eines Nachts verlässt. Fortan kümmert sich die Tante um die Geschwister.

Joe war sieben Jahre alt, als Ed verhaftet wurde. Er hing sehr an seinem Bruder, der ihm stets ein würdiger Vaterersatz war.

Nachdem das Vollstreckungsdatum feststeht, bleiben Ed und Joe nur noch acht Wochen, um die Vergangenheit aufzuarbeiten und die Gegenwart zu nutzen. Eine Zukunft wird es für beide zu diesem Zeitpunkt vermutlich nicht geben. Reicht die Zeit aus, um Recht und Gerechtigkeit voneinander trennen zu können? Joe macht sich auf den Weg von der Ostküste nach Texas, wo Ed vor zehn Jahren verhaftet und nun zum Tode verurteilt wurde. Mittlerweile sitzt er im Todestrakt des Gefängnisses, einem Ort, deren Beschreibung Crossan nicht auslässt. Es kommt zu einer Begegnung der Brüder, die nach anfänglichen Schwierigkeiten an alte Gefühle anknüpft und eine gewisse Nähe wieder peu à peu zulässt.

Der Leser wird mit Informationen und Emotionen versehen, die ihn ein eigenes Bild zur tatsächlichen Schuld Ed`s skizzieren lassen.

Jährlich werden mehrere Menschen in den USA zum Tode verurteilt. Wurden wirklich alle Fälle zum Zeitpunkt der Urteilsverkündigung ausreichend untersucht? Der Roman befasst sich mit diesen Umständen und spickt die fiktive Geschichte mit gut recherchierten Erkenntnissen der letzten Jahre.

Welcher Mensch steckt hinter der Fassade von „Ed Moon“? Joe versucht in dem Inhaftierten seinen Bruder wieder zu erkennen. Doch Zeiten und Orte können Menschen verändern.

Zum Glück trifft Joe während seines Aufenthaltes in Texas auf viele Menschen, die ihm gut tun und seine innere Zerrissenheit kompensieren, ohne ihn in seiner Urteilsfindung zu beeinflussen. Nicht zuletzt erfährt er, trotz aller widrigen Umstände, die sein derzeitiges Leben ausmachen, dort seine erste Liebe.

Geschrieben aus der Ich-Perspektive Joe`s wird auch dieser Roman wieder ein Highlight poetischer Prosakunst aus der Feder der wunderbaren Sarah Crossan sein.

Anja Kuypers

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Wer ist Edward Moon

Sarah Crossan

Mixtvision Verlag (2019)

Jugendbuch

gebunden, 357 Seiten

Altersempfehlung ab 14 Jahren

ISBN 978-3958541405

ca. Preis 17 €

Wer kennt ihn nicht... den Planeten Oneiros. Außer den Onaris, den Bewohnern von Oneiros, besuchen auch die Maschinisten regelmäßig den Planeten und suchen sich geeignete Kandidaten für ihre wichtigen Missionen aus. Durch die Maschinisten sind die Onaris in der Lage, sich in zahlreiche, unterschiedliche Gestalten zu verwandeln, sofern sie den Planeten verlassen. Die Maschinisten sorgen für das Wohl des Planeten Oneiros und der gesamten Galaxie. Eines Tages erfahren sie, dass das Volk der Draconer die Erde angreifen möchte. Sie wollen die Waffen- und Kampffähigkeit der Menschen annektieren. Maschinist Morpheus unterstützt den Onari Zorro Vela bei einer Mission zum Schutz der Erde. Zorro Vela nimmt Kontakt zu dem zehnjährigen Erdenjungen René Reinhard auf und bittet ihn um Hilfe im Kampf gegen die Draconer.

René staunt nicht schlecht, als sich ihm ein Außerirdischer präsentiert, der sich zudem permanent verwandelt.

Wir befinden uns im Jahre 1989. Das fiktive, deutsche Örtchen Marxdorf wird durch die Mauer in Ost und West geteilt. Die Grenzsoldaten, zu denen auch René`s Vater gehört, sichern die Absperrungen.

Der Ost-West-Konflikt ist Thema dieses fantasievollen Romans, in das sich nun sogar Außerirdische einmischen wollen. Aus unterschiedlichen Beweggründen. Und nicht immer von Erfolg gekrönt....

Der Roman ist in der Ich-Form aus Sicht des Onaris Zorro geschrieben.

Bunt und gespickt mit Parallelen aus heiteren Persiflagen der Weltraumprosa, spart der Autor nicht an fantasievollem Schmückwerk.

Im Wort- und Schreibstil chaotisch kreativ, erfährt der Leser in diesem Roman einen alternativen Ansatz zum Verstehen des geteilten Deutschlands. Gelungen!

 

Anja Kuypers

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Zorro Vela

Norbert Zähringer

Thienemann Verlag (2019)

Kinderbuch

gebunden, 336 Seiten

Altersempfehlung ab 10 Jahren

ISBN 978-3522185301

ca. Preis 15 €

Das Abrakadabra der Fische“ von Simon van der Geest, Thienemann Verlag (2019)

 

Die 12jährige Vonk wird von ihrer Mutter für eine Woche zum fernab gelegenen Hof des Großvaters gebracht. Die Eltern benötigen ein wenig Zeit, um sich über die momentan bröckelnde Zukunft als Paar klarzuwerden. Vonk ist von der Ausquartierung weniger begeistert. Denn natürlich macht sie sich viele Gedanken über ihre eigene kleine Familie, und der Hof vom Opa bietet so gar nichts Interessantes. Oder vielleicht doch? Opa wuchs mit sechs Brüdern auf und hat jede Menge Geschichten parat. „Die Bretter knarren und seufzen. … Dieses Haus hat viel erlebt, das fühlt man ganz deutlich.“

Die Kapitel wechseln sich ab: einmal beschreibt Vonk in der Ich-Perspektive die Jetztzeit, einmal beschreibt der Großvater in der Ich-Perspektive die Erlebnisse rund um das Familiengeheimnis aus vergangenen Zeiten. Der Opa hatte mit seinem Lieblingsbruder „Beule“ sehr viel erlebt. Sie standen sich sehr nahe. Aber was ist passiert, dass der Kontakt komplett zum Erliegen kam? Sukzessive lichtet sich das Dunkel um das ungleiche Brüderpaar und um das Leben der Familie.

Vonk ist ein starkes Mädchen und kommt in Sachen Beharrlichkeit und Sturheit vollends auf ihren Großvater. Und dennoch gibt es Momente, in denen sie sich selbst zu viele Fragen stellt und die mögliche Trennung ihrer Eltern auf sich bezieht.

Ein Buch mit vielen Facetten: Familien- und Freundschaftsverhältnisse, Krankheit und Tod sowie moderne Genderthematik.

In dieser Geschichte „verzaubern“ die Fische so manche Passage mit ihrem „Abrakadabra“ und runden zu einem gelungenen Ganzen ab.

 

Anja Kuypers

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Das Abrakadabra der Fische

Simon van der Geest

Thienemann Verlag (2019)

Jugendbuch

gebunden, 320 Seiten

Altersempfehlung ab 12 Jahren

ISBN 978-3522184847

ca. Preis 15 €

Der Fall der linkshändigen Lady“ von Nancy Springer, Knesebeck Verlag (2019)

 

Dies ist der zweite Fall der resoluten, jüngeren Schwester des berühmten Detektiv- und Ermittlerbrüderpaars Sherlock und Maycroft Holmes - Enola Holmes -.
Die Geschichte beginnt mit einer Rückblende und kurzen Zusammenfassung des ersten Bandes, in der erklärt wird, warum Enola keinen Kontakt mehr zu ihren Brüdern hat und alleine lebt. Perfekt verpackt und als Einstieg zum neuen Abenteuer der mittlerweile 14jährigen Protagonistin im London zur viktorianischen Zeit.

Dank ihrer Mutter, die sie seit einiger Zeit nicht mehr gesehen hat und mit der sich Enola lediglich via Chiffre-Nachrichten in Zeitungen austauscht, verfügt sie über eine beträchtliche Summe Geld. Damit hat sie sich in Englands Hauptstadt wohnlich eingerichtet und eine Existenz als Perditorin aufgebaut. Einer Tätigkeit zum Aufspüren vermisster Menschen. Um weiterhin unerkannt bleiben zu können, schlüpft sie immer wieder in verschiedene Verkleidungen und Maskeraden. Allen voran ihr Doppelleben als Mrs. Ragostine, der angeblichen Büroangestellten eines neuen, selbstverständlich ebenfalls nicht existenten Vorzeigeermittlers in der Stadt. Alles ist genau durchgeplant. Für eine 14jährige ist Enola extremst pfiffig. Ständig auf der Hut vor ihren Brüdern, die ihre Schwester viel lieber in einem Internat sehen würden, ermittelt sie abgeklärt und nüchtern realistisch. Sogar nachdem sie in ihrer Rolle, als barmherzige Schwester auf den Straßen Londons, eines nachts überfallen und gewürgt wird.

In ihrem neuen Fall beschäftigt sie sich mit dem Aufspüren der jungen Lady Cecily. Die Tochter aus gutem Hause ist verschwunden. Alles sieht nach einem geplanten Weglaufen mit der ersten, großen Liebe aus. Aber Enola kommt den wahren Hintergründen peu à peu auf die Spur. Während sie ihrer Arbeit nachgeht, muss sie weiterhin vor der eigenen Enttarnung auf der Hut sein. Denn nach wie vor versucht Sherlock sie zu stellen.

Geschrieben in der Ich-Perspektive Enolas, kommt der Roman sehr kurzweilig und spannend daher. Vor allem, wenn sie ihrem Bruder auf den Straßen Londons zufällig begegnet. Nur gut, dass sie eine Meisterin der Kostümierung ist.

Enola - resolut und doch sensibel, mädchen- und doch ladylike.

Eine wunderbare Reihe. Man darf gespannt sein auf den nächsten Band....

 

Anja Kuypers

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Der Fall der linkshändigen Lady – Ein Enola Holmes Krimi

Nancy Springer

Knesebeck Verlag (2019)

Jugendbuch

gebunden, 205 Seiten

Altersempfehlung ab 12 Jahren

ISBN 978-3957282613

ca. Preis 15 €

Was mir von Dir bleibt“ von Adam Silvera, Arctis Verlag (2019)

 

Der 17jährige Theo wird bei einem Unfall tödlich verletzt. Zu diesem Zeitpunkt studiert er an der Westküste der USA und hinterlässt dort seinen Freund und Partner - den zwei Jahre älteren Jackson. Zurück bleibt auch Griffin, ebenfalls 17 Jahre alt und seine erste Beziehung. Mit ihm entdeckt Theo zu Schulzeiten an der Ostküste erstmals die gleichgeschlechtliche Liebe.

Zur Beerdigung Theos begegnen sich Jackson und Griffin erstmals. Zunächst entsteht eine Art Wettstreit darüber, wer Theo intensiver geliebt hat, besser kannte und wer das Recht hat, mehr zu trauern. Als unsichtbarer Dritter im Bunde steht Theo zwischen den beiden. Mit der Zeit wächst ein gemeinschaftliches Verarbeiten des Verlustes. Sie beginnen, sich gegenseitig von den jeweiligen Beziehungen zu berichten und leisten auf diese Art Trauerarbeit.

Abwechselnd wird in den Kapiteln von der Jetztzeit erzählt und aus der Vergangenheit berichtet. Licht und Schatten wechseln sich ab. So wie Sonne und Mond. Der Leser taucht immer mehr in die Leben der Protagonisten ein. Eifersucht und Neugier reichen sich die Hände. Aber auch grenzenlose Liebe und schmerzhaftes Loslassen.

Geschrieben in der Ich-Perspektive Griffins, erzählt die vielseitige Geschichte von Tod und Trauer. Aber auch von Zusammenhalt und Freundschaft und der Wichtigkeit, den Moment zu genießen sowie im Hier und Jetzt anzukommen.

Ein neues, sehr gelungenes Werk des bekannten Autors Adam Silvera.

 

Anja Kuypers

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Was mir von Dir bleibt

Adam Silvera

Arctis Verlag (2019)

Jugendbuch

gebunden, 368 Seiten

Altersempfehlung ab 14 Jahren

ISBN 978-3038800224

ca. Preis 18 €

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© Anja Kuypers